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Es gibt so etwas wie eine übertragene Erinnerung. Es ist ein Mittel, mit dem Familien ihren Zusammenhalt
über die Generationen hinweg bewahren. So werden Dinge, die man selbst nicht erlebt hat über das stete Wiederholen – bei Familientreffen oder an Feiertagen, wenn die Familie zusammentrifft - auch für die Nachfolgenden zum Fakt, zum realen Geschehen, man erinnert sich an die fremden Geschichten, sieht die heraufbeschworenen Bilder, verzerrt, wie bei einem Traum, bis die fremde Erinnerung genauso in einem Raum einnimmt wie das Eigene, welches ja ebenso verblasst und unwirklicher wird, je mehr die Gegenwart neue Geschichten über das Watt der Zeit spült.

Familiengeschichten

Während andere 30-Jährige antiautoritäre Erziehung und die 68er-Eltern verdauen müssen, so ist es bei mir noch Nazi-Deutschland und der Zweite Weltkrieg. Meine Eltern sind alte Eltern, mein Vater war 47 als ich geboren wurde. Wann immer die gesamte Familie zusammen kam redete man von der „guten alten Zeit“: Hausbesitzer, Landbesitzer, Schiffsbesitzer waren sie gewesen. Meine Eltern kamen aus Nachbardörfern, jeder war mit jedem irgendwie verwandt. Sie erzählten von der Prozessionen zum Annaberg, vom Bauern Kluge und von den Rössern die Abends zum Tränken an die Oder geführt wurden, die Kinder hüteten Gänse und Ziegen. Später fuhren sie auf den Lastkähnen der Eltern die Oder entlang. Meine Großmutter machte die Vergangenheit lebendig. Sie war Kindermädchen auf dem Schloss, dann wurde sie die Frau des Gastwirts, das Haus stand direkt an der Oderbrücke. In dessen Gastsaal quartierte sich später die SS ein, als die Front gen Westen zurück gedrängt wurde. Zuletzt folgte die Flucht im Treck über die Grenze durch Tschechien bis ins sichere Würzburg.

Was man gern vergessen hätte

Das Gute bei meiner Großmutter war, dass sie nicht nur vom Schönen, dem verklärten Einst, berichtete, sondern auch von Dingen von denen andere anscheinend nichts wussten, zumindest im Nachhinein war man unwissend. Meine Großmutter wusste und soviel wie sie, wussten andere auch. Sie erzählte uns, wie die Juden im Dorf tagtäglich auf der Straße vor dem Gasthaus über die Brücke zur Arbeit in die unterirdische Munitionsfabrik („Munia") zogen. Die Kinder im Dorf wurden mit Brotresten ausgestatten, die verteilten diese dann unauffällig an die abgemagerten Gestalten im Arbeits-Trupp. Ein anderes Mal berichtete sie vom einem Zimmermann, der in der Gastwirtschaft volltrunken von unzähligen Baracken erzählte, bei dessen Errichtung er mitgearbeitet habe, in einem Lager bei Ausschwitz, dass dort Menschen gefangen wären, man könne sich gar nicht vorstellen wie.

Das Zwangsarbeiterlager

Diese Geschichte mit den Juden in Ottmuth ging mir nicht aus dem Kopf. Warum waren sie überhaupt dort geblieben, meine Großmutter erzählte, es hätte sich auch um ehemalige Nachbarn gehandelt, aber warum wurden diese nicht deportiert? Bei meinem ersten Besuch in Polen mit 18 (wo alles dann so anders war als das goldene Schlesien aus den Erzählungen) wohnten wir im Haus der älteren Schwester meines Vaters. Meine Tante erwähnte irgendwann, dass im Waldstück neben dem Haus früher mal ein Arbeitslager gewesen sei. Jahre später, mit Mitte Zwanzig erst, fing ich an im Internet zu recherchieren. Zu Ottmuth fand sich nicht viel, aber genug um die Erzählung meiner Großmutter in einen größeren Zusammenhang zu setzen.

Erste Ergebnisse

Im Hafttstättenverzeichnis (PDF) der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ findet sich folgender Eintrag: Ottmuth, Zwangsarbeitslager für Juden, Hinweise zur Zeitdauer: Männer: 16.7.1940 – Juni 1944. Als Quelle dafür wird der ISD (Internationale Suchdienst) mit dem „Verzeichnis der Haftstätten unter dem Reichsführer-SS: Konzentrationslager und deren Außenkommandos sowie andere Haftsstätten unter dem Reichsführer-SS in Deutschland und deutsch besetzen Gebieten“ genannt. Bei „Deutschland – ein Denkmal“ (ein Projekt zur Erforschung der nationalsozialistischen Lager und Haftstätten sowie der Orte des Massenmords 1933 bis 1945) gibt es weitere Informationen: Sowohl für Manner als Frauen ist das Lager ausgewiesen. Die Frauen waren für Küchen- und Lagerarbeiten sowie zur Arbeit in der Schuhfabrik vorgesehen. Die Männer mussten zur Ota Schlesische Schuhwerke, vormals Firma Bata; Rösner u. Söhne; Firma Duck und zusätzlich an der Reichsautobahn arbeiten. (Die Arbeit in der unterirdischen Munitionsfabrik von der meine Großmutter berichtete wird übrigens durch keine Quelle bestätigt, heute ist dort militärisches Sperrgebiet)

Im Wald

s-campwaldDas Waldstück, in dem sich das Zwangsarbeiterlager befand, existiert heute noch. Doch das dort jemals Hütten gestanden hätten ist dem Waldstück nicht anzusehen, noch ist irgendwo ein Hinweis, eine Tafel, irgendwas das an das Geschehene erinnert. Man beschloss wohl irgendwann zu vergessen. Die nachwachsende Natur tat ihr übriges. Die jüngere Schwester meines Vaters, die ebenfalls gerade in Polen war, erinnert sich nicht an ein Arbeitslager für Juden, da sei sie noch zu klein gewesen, aber später in polnischer Zeit wären dort deutsche Soldaten interniert gewesen.

Alles war, nichts ist

s-camphausMeine Eltern, Mitte 70, mögen dieses Nachstochern in der Geschichte gar nicht. Und doch kommen sie mit als ich mir das Waldstück ansehen möchte. Überall Bäume, sonst nichts und so fragt mein Vater einen der Anwohner, der erst vor 20 Jahren hierher gezogen ist, aber noch von früher weiß, dass es da irgendwas gegeben habe. Hinter der Mauer im Wald beim Haus an der Ecke und an der Strasse entlang standen die Baracken, sagt er.s-campstrasse Am Ende des Waldes scheint dann doch etwas zu sein. Beim genauen Hinsehen sind es aber nur Aufschüttungen, mehrere Hügel, mit Bäumen und Gebüsch bewachsen, die kleine Täler zwischen sich bilden, anscheinend werden sie heute als Motor-Cross-Strecke von Jugendlichen genutzt. Mein Vater fällt bei den Hügeln ein, dass damals der Schießplatz der SA hier gewesen sei. Die Hügellandschaft stammt aus dieser Zeit, war direkt neben das Lager in den Wald gesetzt.

Arno Lustiger

Wer die Gefangenen in den Lagern waren lässt sich nicht genau sagen, doch es gibt Hinweise auf Einzelfälle im Netz. So sagt der Historiker Arno Lustiger zu Beginn seiner Rede bei der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus
am 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager: „Am 27. Januar 1945, heute vor 60 Jahren, war ich noch nicht frei. Da hatte ich schon drei KZs hinter mir, Sosnowitz, Annaberg und Ottmuth.“ Arno Lustiger wurde im polnischen Będzin geboren, 1943 wurde die jüdische Bevölkerung in das dortige Ghetto interniert. Die Familie Lustiger hielt sich versteckt, ging dann jedoch als das Gehetto geräumt wurde, freiwillig mit ins Zwangsarbeiterlager Annaberg um mit der ganzen Familie zusammen zu bleiben. Die Familie wurde dennoch auseinander gerissen, Lustiger kam nach Ottmuth. Wie bei vielen anderen auch ging es im Anschluss ins KZ Blechhammer, dann ins KZ Groß-Rosen und nach ins KZ Buchenwald.

Robert Clary

Arbeitsfähige Männer über 16 wurden von den Deportationszügen aus ganz Europa auf die Arbeitslager an der Strecke nach Auschwitz verteilt. Kinder und Alte mussten in den Zügen bleiben und fuhren direkt weiter in das Vernichtungslager. Davon berichtet auch Robert Clary in seiner Autobiografie. Als Max Widerman in Paris geboren wurde er 1942 mit seinen Eltern und Verwandten deportiert. Er kam zuerst nach Ottmuth, arbeitete dort in der Schuhfabrik, später wurde er ins KZ Blechhammer, KZ Groß-Rosen und ins KZ Buchenwald geschickt. Nach dem Krieg wanderte er in die USA aus und spielte als Robert Clarys in der amerikanischen „Nazi“-Serie „Ein Käfig voller Narren“ den französischen Gefangenen und Koch Corporal Louis LeBeau. Er schreibt über seine Ankunft in Oberschlesien:
„On the third day, in the late afternoon, the train stopped in a town called Kosel (…). They unlocked the doors. Dazed and blinded by the daylight, we were greeted by the barking of ferocious German shepherds held on leashes by the SS men who were shouting at us. Most of us did not understand. “Raus, raus! Schnell, schnell!” they screamed. Fortunately, some of the people on the train understood German and translated for the rest of us. The SS guards, in their spotless grey uniforms and highly polished boots, wanted all the men between ages of sixteen and fifty to get out of the cars. (...)
None of us knew that the train was on its way to Auschwitz-Birkenau. For a long time, I thought that my parents and the rest of my family had gone to other camps and would have a chance to survive as I was trying to do. After the train left, the 175 of us were ordered onto open trucks. We then traveled for an hour to our first camp.“
(Quelle)

Eric Breuer

Eine dritte Quelle lässt sich im Internet finden. Eric Breuer macht im Internet eine Zeugenaussage zu seiner Deportation. In Wien geboren, geht er 1938 erst nach Belgien, dann über die Niederlande Versuch nach England zu kommen. Er wird zurückgeschickt, letztlich in Belgien gefangen genommen und kommt 1940 in ein französisches Lager. 1942 ein weiterer Versuch zu entkommen, diesmal mit gefälschten Papieren in die Schweiz. Nach zwei Tagen wird er nach Frankreich abgeschoben direkt zur Polizei nach Vichy. Jetzt kommt er in das Lager Darcy nahe Paris, mit der Bahn wird er von dort Richtung Schlesien geschickt:
„Après 3 jours et deux nuits le train s’arrête à Kosel (Haute-Silésie). On ouvre les portières. Les S.S. sont dehors, matraques en main. Tous les hommes de 20 à 50 ans doivent descendre. Les femmes et enfants, vieux et malades continuent - on sait ce que cela signifie. Scènes terribles, hommes qui ne veulent pas quitter leurs familles, femmes qui descendent avec leurs maris pour ne pas les laisser partir seuls. Alors les S.S. commencent à gueuler. Les matraques entrent en action, on lâche de grands chiens pour faire peur à tous ceux qui ne se soumettent pas de suite. Enfin le train s’en va à destination inconnue. Nous restons.
On nous conduit au Camp d’Ottmuth.
(...)
C’est à Ottmuth où pour la première fois de ma vie j’ai eu une pelle en main, pour charger du sable sur un camion. Là j’ai connu pour la première fois ces journées interminables, ces douze heures de travail interrompues seulement d’une demi-heure de repos à midi - sans manger. Combien de mes camarades ont déjà perdu courage dès le premier jour. C’est ceux-là qui encaissaient tous les coups parce qu’ils se laissaient aller. Ils ne tenaient pas longtemps.
J’ai quitté Ottmuth le 12 Septembre 1942 avec un convoi de 500 Juifs venant tous de France et de Belgique. Commerçants, avocats, médecins, ingénieurs, étudiants, tailleurs et cordonniers etc. Ce transport allait au Camp de Trzebinia, camp de travaux forcés pour Juifs, sous contrôle des S.S. (Judenzwangsarbeitslager der S.S.), à la frontière polonaise près de Cracovie.“


Transport 37

Der Enkel des Deportierten Aron Natanson versucht den Weg seins Großvaters von Darcy nach Auschwitz im Internet zu rekonstruieren und sammelt dazu Zeugenaussagen von anderen vom Transport 37. Dieser hielt ebenfalls in Kosel, wo 175 Männer zur Arbeit in Ottmuth selektiert worden sind. Herman Idelovici berichtet:
„Und dann kamen wir am 28. am Ende des Morgens [...] in diesem Bahnhof, den man Kosel nennt, an. Und als die Waggons mit einem Metallgeräusch anhielten (die sich gegenseitig anstoßenden Waggons erzeugten ein metallenes Geräusch) fing die SS auf dem Bahnsteig laut zu schreien an, merkwürdigerweise waren die ersten Worte, die ich auf Deutsch gehört habe, Gebrüll, es war Gebrüll, Geschrei, Geschrei. Die Waggons wurden nach und nach geöffnet und sie fingen mit der Inspektion an, Waggon für Waggon, um zu sehen, ob es Tote gab, ob es noch Lebende gab. Viele Menschen waren tot, andere waren verrückt geworden.
Nach dieser ersten Untersuchung schrie die SS vor jedem Waggon, natürlich auf Deutsch, dass alle Männer zwischen 18 und 55 Jahren unverzüglich auf dem Bahnsteig zu erscheinen hätten. Mein Vater, wie alle Männer seines Alters, tritt auf den Bahnsteig. Mein Vater, zu dieser Zeit 43 Jahre alt, er tritt auf den Bahnsteig und stellt sich, gruppiert sich mit einigen Dutzend anderen, knapp 100, die sich schon dort befanden. Einige Minuten vergehen, ich bleibe also im Waggon, da ich 15 Jahre alt war, ich bleibe also mit meiner Mutter und meinen Schwestern.“
Herman Idelovici wird dann doch noch heraus gewunken und bleibt mit seinem Vater in Kosel zurück.
Auf der Webseite wird vermerkt: „Die 175 in Kosel selektierten Männer wurden in das kleine Selektionslager Ottmuth gebracht, von wo aus einige unter ihnen in dem Fabriklager Blechhammer benutzt wurden. Alle diese Lager waren abhängig von Auschwitz.“ Darunter eine Abbildung:
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malles meinte am 28. Nov, 14:42:
Fände Ihren Bericht richtig "spannend", wenn man das in diesem Zusammenhang überhaupt sagen könnte.
Meine Vorfahren stammen aus dem Sudetenland. Theresienstadt war nicht weit. Ich kann Ihre Erfahrungen mit der Verdrängung von Geschichte nur bestätigen. Es ist für die Großeltern-Generation einfach zu schrecklich, wenn man es ausspricht. Weil es für Sie Wirklichkeit war. 
tinowa antwortete am 28. Nov, 22:13:
Anscheinend musste erstmal eine Generation übersprungen werden, um Fragen zu stellen, insbesondere sich selbst Fragen zu stellen. Meine Eltern sind zu sehr mit dem "emotionalen Bewahren" der verlorenen Heimat beschäftigt, da ist gar kein Platz zum kritischen Reflektieren.
Freut mich, dass die Zusammenstellung interessannt für Sie war. 
malles antwortete am 29. Nov, 08:15:
Ja, die alten erzählten immer von der "Schande" der Vertreibung. Auf meine Fragen nach den Gräueltaten reagierten sie meist verletzt, obwohl ich das nicht beabsichtigte. Beneidet habe ich oft die Alteingesessenen in unserer Stadt, die eine intakte und nahe Verwandschaft hatten. Es ist vor allem Interssant von einer/m Vertreter/in meiner Generation eine so detaillierte Beschreibung der eigenen Geschichte zu hören. Meine Erfahrungen sind nahezu deckungsgleich.