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Die beste Freundin führte ihn mit verbundenen Augen zum Auto. Ich sagte keinen Ton. Hier ging es nicht um mich. Ich war nur Mittel zum Zweck, im Dienste der "Großen romantischen Geste". Er saß auf der Rückbank. Sie daneben. Ich legte die Kassette ein, die sie mir eben noch in die Hand gedrückt hatte, während sie mit der anderen den Blinden ins Auto hineingeholfen hatte. Als die Musik begann, wußte er sofort was es war. Tristan und Isolde.

Am Anfang zählte er noch die Straßenamen auf. Ein Versuch der Orientierung. Bald hörte er auf. Wurde ruhiger. Wußte nicht mehr wo er war und wohin es ging. Schweigend saßen sie auf der Rückbank. Ich klappte den Rückspiegel nach oben. Hörte auf die Musik und wurde mir bewußt, dass ich vergessen hatte, wie schön der Anfang von Tristan und Isolde ist. Filmmusik - noch bevor Filmmusik erfunden war. Und während ich in den Anlagenring abbog, liefen vor meinen inneren Auge plötzlich Szenen aus Vertigo ab. Was mich verwirrte. Kim Novak und James Stewart. Das Treppenhaus. Die Spirale. Farbfetzen im Hirn und vor mir die nassen Strassen Frankfurts.

Isolde sang: "Wo bin ich hier?". Von der Hinterbank rief es bestätigend: "Genau! Wo sind wir hier?" Dann waren wir auch schon da. Die zwei stiegen aus. Ihr Abend begann erst. Ich fuhr weiter und fragte mich: "Warum Vertigo?"

Erst Nachts, daheim, fällt mir die Frage wieder ein und ich recherchiere im Netz. Werde fündig.
Im Hotelzimmer, in der Szene in der Kim Novak als Totgeglaubte wieder "aufersteht", ähnelt die Filmmusik von Bernard Herrman frappierend dem Eingangsstück zu Tristan und Isolde.



Für mich klärt sich nun, warum der Assoziationstransfer von Wagner zu Vertigo funktionierte. Denn diese merkwürdige in grünes Licht getauchte Szene griff David Reed in seiner Installation "Judys Bedroom" auf. Judys Bedroom ist mein Lieblingsort im MMK. Bei jedem Besuch schaue ich hier vorbei, um zu sehen, ob der Raum noch da ist. Lasse mich von der besonderen Atmosphäre umhüllen. Und immer wieder bin ich erneut überrascht, dass der Raum nicht rosa ist. So wie er sich merkwürdigerweise in mein Gedächtnis gemalt hat.