"Betrachte die Sonne bis sie quadratisch ist", so Onos "Instruction" von 1962. Das Ergebnis von heute: Maria Lobodas "Prepare yourself to enter the blue room". Yoko Ono Ausstellung "Dream Universe" im Portikus
Das Literaturhaus ist gut gefüllt, bald wird jeder Platz besetzt sein und der Pulk, der eben noch um die letzten Karten sich drängte, verteilt sich auf die Sitze im Raum. Selbst der Moderator, FAZ-Literaturkritiker Hubert Spiegel, stellt seinen Platz einer Besucherin zur Verfügung und wird während der Lesung von Andreas Maier neben dem Autor oben auf dem kleine Podest verweilen. 150 Leute sind nun in dem Raum, die Kälte von draußen wird immer mehr durch von Menschen erzeugte Wärme ersetzt, frieren wird an diesen Abend keiner.
Einleitend erklärt uns Hubert Spiegel etwas zu „Kirillow“, Andreas Maiers neuem Roman, mit dem Fazit: „Über das wenige was geschieht, wird sehr viel geredet“.
Genau dieses Reden trägt auch die Handlung der zwei Passagen die Maier liest. Eine recht lange Passage zu Anfang, fast vierzig Minuten liest er an ihr. Sie spielt auf einem politischen Empfang im Haus der Eltern von einem der Protagonisten.
Maier liest konzentriert, nur wenn er ab und zu hoch blickt, Richtung Publikum, wird seine Stimme leiser, da sie sich so dem Mikrofon entzieht, welches direkt vor ihm auf dem Tisch steht. Gleich daneben ist ein zweites vom HR, das Aufnahmegerät liegt auf dem Boden und während der Autor liest, kann man an diesem den Pegelausschlag verfolgen, welchen die Stimme Maiers erzeugt. Spiegel liest die vorgelesenen Worte im eigenen Buch vor sich leise mit, manchmal hält er inne und macht Notizen. So geht es durch die ganze Textpassage hindurch. So geht es auch durch die kurze folgende Passage zum Schluss der Lesung. In ihr treten die zwei Hauptfiguren des Romans, dem Publikum durch die erste Passage hinreichend bekannt, auf. Sie stehen auf den Feldberg und blicken in die Rhein-Main Region, die sich ihnen wie eine Spielzeuglandschaft eröffnet. Sie sehen auf den Verkehr der Autobahnen und Städte, die Industrieviertel der Kleinstädte; sehen Wirtschaft, Handel, von Menschen errichtete Systeme. Ein bedrückendes Panorama menschlicher Zivilisation.
Hubert Spiegel geht auf diese Szene in seiner ersten Frage ein. Ihm falle dazu die Versuchung Christi durch den Teufel auf einem hohen Berg ein. Alles was Christus dort sähe, würde der Teufel ihm geben, so denn dieser niederknie und den Teufel anbete. „Wir wissen nun, dass dies der Feldberg ist“, so Spiegel und schließt seine Frage an: „Leben wir nicht in der besten aller möglichen Welten?“. Andreas Maier antwortet: „Der Teufel hat uns nicht gemacht“, in einer folgenden kurzgehaltenen Erläuterung schmettert Maier Spiegels tiefsinnige Frage ab. Letztlich störe ihn, Andreas Maier, nicht der Weltzustand, sondern all jene, die dann behaupten, dass das alles noch gut wäre. Hubert Spiegel ist ein bisschen verdutzt, seine Frage war auf die Ebenen der Figuren im Roman gezielt, ein persönliches Statement des Autors hatte er anscheinend nicht erwartet.
Die nächste Frage hält er somit schlichter, er fragt, ob der Roman das Porträt einer Generation sei. Maier erklärt, dass die Figuren, alle in den Zwanzigern, sie alle einer Generation angehören, auch wenn bei dem 22-Jährigen andere Einstellungen zu finden seien als bei dem abgeklärteren 27-Jährigen. Die Probleme, mit denen man sich in der Jugend herumschlägt finden auch später keine Antwort, man stört sich nur nicht mehr so daran. Maier: „Wir haben nie irgendwelche Antworten gefunden und dennoch sind wir anders geworden.“
Hubert Spiegel ist in seinen Zwischenfragen um den tieferen Sinn von „Kirillow“ bemüht, gerne würde er Maier eine Antwort über die Weisheiten des Buches abringen, doch scheitert er immer wieder an der Pragmatik des Autors und dessen Wiederholungen, dass „einfach als so sei, wie es ist“. So ergehe es auch den Figuren im Roman. „Dieses sinnlose Reden, was zu nichts führt und zum Schluss kriegen alle auf die Nase“, bringt Maier sein Buch auf den Punkt.
Spiegel versucht es anders. Er fragt nun nach der literarischen Vorlage für „Kirillow“ den Titel des Buches. Andreas Maier, sagt nur leise, etwas unbegeistert: „Ach das meinen Sie...“ und erklärt brav, wie ein Schüler, der dem Lehrer mit der richtigen Antwort einen Gefallen tun möchte, dass die Figur Dostojewski entlehnt sei, dort ist Kirillow ein Selbstmörder. In Maiers Roman ist Kirillow eine abwesende Person, die allein durch ein von ihm verfasstes „Manifest zur Weltordnung“ zeitweise die Gemüter der Mair’schen Figuren bewegt und dadurch Eintritt in Raum des Romans erhält.
Andreas Maier beobachtet das Leben, belauscht Gespräche und bringt die Erkenntnisse zu Papier, schildert genau das Erlebte. Seine Figuren spiegeln das hohle Gebaren der Gesellschaft, das zu nichts führt, nichts sein kann und nichts ändert. „Es ist halt alles so wie es ist“, so Maier. Das sei doch stets das Ergebnis jeden Gespräches. Auch im Gemalten Haus, einer Apfelweinkneipe in Frankfurt, ebenfalls Schauplatz im Buch, wäre das stets Fazit am Ende einjeden Gespräches. „Er ist, wie seine Figuren, man kriegt ihn nicht zu fassen“, darauf Hubert Spiegel. Man merkt, das Gespräch neigt sich dem Ende zu. Spiegel resigniert nach langer Suche nach dem tieferen Sinn, der Botschaft hinter den Zeilen. „Das Buch sagt eigentlich gar nichts“, betont Maier zuletzt. Hier kokettiert ein Autor mit seinem Werk. Darauf die Frage aus dem Publikum: „Warum sollte man das Buch lesen und nicht gleich ins Gemalte Haus gehen?“ „Dort kann man erst mal was trinken“, so Hubert Spiegel.
Im Anschluss gibt es dann genau dieses: Äppler für alle und Frankfurter Würstchen dazu. Die nichtssagenden Gespräche in netter Runde sind obligatorisch. Denn nichts hat man sich zu erzählen, es bleibt alles so wie es ist, nur dass das auch Spaß machen kann, das hatte die Realität der literarischen Fiktion voraus.
und nachdem ich den tag im autorenforum des kinder- und jugendtheaters fotografiert, abends in der schmittstrasse junges autorentheater ("goldfischen": zu empfehlen!) gesehen hatte, landete ich letztlich in einer alten abgehalfterten bar im bahnhofsviertel, die viel bessere zeiten schon lange hinter sich gelassen hat.
wenn die gogo-tänzerin sich heute um stangen schwingt, kann man sich doch vorstellen, dass auf dieser aus bunten quadern leuchtenden bühne in den fünfziger jahren jazz-bands spielten und gäste in den nischen und separees wegen der musik und nicht wegen der auf abenteurlich hohen high-heels wankenden damen gekommen waren.
geburtstagsparty des lola montez. nach zwei stunden war es so voll, dass die späten gäste doch wenig von den beiden läden hatten, sah und spürte man doch nur den nächsten, schlimmer als beim vollsten weihnachtsmarkt am 4. advent.
keine hektik dagegen in den separees, die gunst der stunde des guten platzes schlug dem frühen gast.
ist ja irgendwie tröstlich, dass man nicht die einzige ist, die von viel zu teuren konsumdingsens träumt. heute dem träumen spontan ein ende gesetzt und dieses schätzchen bestellt.
jenes kommt hoffentlich noch bis freitag an, denn ab samstag soll ich dort fotografieren und das ginge mit den sagenhaften 8 mp der a2 um einiges besser als mit meinen lächerlich 1,5 der alten marvica.
Ein politischer Film hat es nicht leicht, selten erreichen seine Inhalte eine große Öffentlichkeit. Ken Loach ist seit langem genau so ein Filmemacher, in seinen Filmen untersucht er Mikrokosmen der englischen Unterschicht. Mit seinem neuen Film „Just a Kiss“ wendet er sich jetzt der Mittelschicht im schottischen Glasgow zu, verpackt in einem Melodram und erreicht damit vielleicht mehr Zuschauer als bei seinen Filmen zuvor.
Die Geschichte scheint schnell erzählt: Casim (Atta Yaqub), Bangra-DJ und Sohn einer pakistanischen Einwandererfamilie, verliebt sich in die irische Musiklehrerin Roisin (Eva Birthistle), die Casims jüngere Schwester an einer katholischen Schule unterrichtet. Mann liebt Frau, er Muslim, sie Katholikin; sollte dieser Unterschiede heute, zumindest in der westlichen Welt, noch ein Problem darstellen? Die Antwort ist: Ja. Natürlich ist die Familie gegen die Verbindung mit einer Weißen, einer „Goree“, ist doch schon die Cousine aus Pakistan als zukünftige Ehefrau auserwählt. Natürlich gibt es auch bald Probleme mit der katholischen Schule, nicht nur das Roisin geschieden ist, aber die Liebe mit einem Muslimen scheint nicht akzeptabel, sollen doch die „richtigen“ Werte an die Schüler vermittelt werden.
„Romeo und Julia“ vermengt mit „Kick it like Beckham“ könnte man meinen, aber so einfach macht es uns Ken Loach nicht. Auch wenn die schwierige Liebesgeschichte im Vordergrund steht, schließlich ist sie Motor der Handlung, bemerkenswert sind jedoch die Dinge, die im Hintergrund erzählt werden: Details, die fein in die Geschichte verwoben sind, genaue Beobachtungen der unterschiedlichen kulturellen Milieus und bissiger Humor an der richtigen Stelle. Der Kampf um die Liebe wird nicht nur in Hinblick auf eine prinzipielle Unmöglichkeit des Miteinanders beantwortet, schaut man genauer hin gibt Loach seinen Charakteren individuelle Motivationen, die die oft doch recht vorhersehbare Liebesgeschichte mit Tiefen ausstattet. Da ist der Vater, der während der Wirren der Teilung von Indien und Pakistan 1947 von seinem Zwillingsbruder getrennt wurde, dessen Name nun sein Sohn Casim trägt. Um wenigstens diesen nicht zu verlieren wird für das vermeintliche Eheglück mit der Cousine ein Anbau gleich neben dem Haus der Eltern errichtet. Oder die ältere Schwester, die ganz den traditionellen Vorstellungen der Familie entspricht, ebenfalls einen angesehenen Pakistani zu heiraten begriffen ist, doch deren Ehe durch die entstandene „Familienschande“ unmöglich gemacht wird. Der beste Freund Casims, der wohl ebenfalls mit einer „Goree“ zusammen lebt, aber heiraten will er später nur eine Pakistani. Das Pech des einen ist das Glück des anderen. Denn der Rebell der Familie ist eigentlich nicht Casim, ihn zwingen die Umstände in die Rolle, in der er sich sichtlich unwohl fühlt. Seiner jüngeren Schwester Tahara (Shabana Bakhsh) fällt die Rolle der Verweigernden zu (wie schon zuvor in „Kick it like Beckham“), die zwischen den beiden Kulturen hin- und hergerissen ist, auch wenn sie in der fulminanten Eröffnungsszene des Filmes bei einer Schulrede noch selbstbewusst ihre Multikulti-Identität propagiert. Im Rahmen der Familie werden ihr schnell die Flügel gestutzt, die Bewerbung um ein Studium in Edinborough, fern der Familie, strikt unterbunden. Für sie bedeutet die neue Situation der Weg in die Freiheit, in eine Selbstbestimmtheit, die zuvor unmöglich schien.
Es ist eine muslimische Familie im Umbruch, die in dem Film porträtiert wird. Von Roisins Seite werden keine Reaktionen von Freunden oder Familie geschildert, hier muss übermächtig eine Institution, wie die katholische Kirche herhalten, um auch Roisins missliche Lage zu illustrieren, dabei bleibt es allerdings auch. Das schlimmste, was ihr passieren kann ist, dass sie ihre Stelle verliert. Dem Zuschauer wird es schwer gemacht sich in ihr Leiden zu versetzen, die emotionale Bindung fehlt. Dagegen erlebt man hautnah den Spagat, den Casim zu leisten versucht, bevor er sich endgültig für eine Seite entscheiden muss.
Wenn der Film auch in vielen Stellen moralisch wirkt, uns lehrerhaft den Spiegel vorzuhalten versucht, so ist es doch seine größte Leistung, dass man gar nicht darüber nachdenkt, dass hier eine muslimische Familie, fern einer Dämonisierung geschildert wird. Sie lebt wohl in sich geschlossen ihre kulturelle Identität, aber fest eingebettet in ein urbanes Umfeld der britischen Mittelschicht. Es ist ein Gegenentwurf zu reißerischen Mediendarstellungen der Muslime als "Fundamentalisten" oder "Terroristen", da gibt es sehr viele, weit verbreitete Vorurteile und viele muslime Einwandererfamilien werden mit den Terroristen einfach über einen Kamm geschert. Das also genau diese Bilder nicht auftauchen, man sich darüber noch nicht einmal während des Kinobesuchs Gedanken macht, das ist vielleicht das Ambitionierteste in diesem Film. Bleibt nur zu hoffen, dass diese politische Intention, neben der dominierenden Liebeserzählung auch verstanden wird. Selten war der Zeitpunkt für diesen Film richtiger als jetzt, wo man „Parallelgesellschaften“ zu Bedrohung eines Miteinanders stilisiert, Liberalität zur Gleichgültigkeit umdeutet und muslime Europäer plötzlich als „Islamisten“ den „echten“ Europäern“ gegenüber gesetzt werden.
im architekturmuseum frankfurt gibt es seit letzter woche die neue ausstellung REVISION DER POSTMODERNE. mit mir war zeitgleich eine schulklasse mit etwa 17-jährigen jungs in der ausstellung. die zeichnungen und das modell zum MUSÉE DES CONFLUENCES in lyon der österreichischen architektengruppe coop himmelb(l)au wurden kritisch von drei männlichen schülern beäugt:
schüler 1: "der entwurf is ja voll krass."
schüler 2: "ja aber das modell sieht aus, wie aus zusammengesammelten müll gebaut."
schüler 3: "aber die entwürfe sind ja wohl oberflashy!"
expertenurteil schülertest: ausstellungsmodell schlecht, aber sonst "oberflashy"!
Eigentlich hatte ich gedacht es sei damit endgültig vorbei. Magisterarbeit abgegeben, Zeugnis bekommen, Uni ade. Und dann war ich gestern doch wieder unterwegs zu einem Seminar. Hatte das Gefühl jahrelang nicht mehr da gewesen zu sein. Das Prüfungsjahr brachte mich zu einer merkwürdigen Distanz zu meiner Universität. Gestern ging ich also durch das Gebäude. Das Semester ist noch in seinen Anfängen, unorientierte Erstsemester schwirren durch das Gebäude. So wie ich. Auch ich war wieder zum Erstsemester geworden. Sentimental schau ich auf die eins, die vor den Fachsemestern auf meinen neuen Studienausweis prangt. Die letzten Jahre waren die Zahlen zweistellig gewesen. Beim Gang durch die Flure fliegen Gesprächsfetzen an mir vorbei: "Wo ist denn der Raum 2117?", "Ach, die zwei bedeutet, das ist im zweiten Stock?", "...Literatur des Mittelalters ist ja sooo interessant, das Seminar...", "Das Nebengebäude, geht es da entlang?", "Terrorismustheorie hat der Prof. gesagt..." und als ich dann an der Cafeteria vorbeikomme, werfe ich einen Blick hinunter auf die unten Sitzenden. Wenn da nur einer wäre, denn ich kenne, geht es mir durch den Kopf, nur einer, dann wäre es wie ein Zeichen, als sei ich nie weggewesen, bin nicht fremd hier, nicht zu alt. Doch ich erkenne keinen, dreh den Kopf schon zurück als ich in diesen Moment T. sehe, der sitzt dort mit eine paar anderen Anglistik-Studenten. Ihn hatte ich noch als Studienanfänger erlebt, wie er das Kulturwissenschafts-Tutorium meiner Mitbewohnerin besucht hatte. Er war noch da und ich fühlte mich sogleich wohlig zufrieden. Dann der Seminarraum, die Seminargruppe mit der ich noch ein zusätzliches Jahr Studentin sein darf, aus Frankfurt, Marburg, Hamburg, München, Stuttgart sind sie und es wird sich vorgestellt und Namensschilder gebaut. Ich bin wieder Erstsemestlerin.